Startup übers Kacken: Wie Anna Proske mit NOOQ ein Tabuthema angeht
Key Takeaways
Ein eigenes Alltagsproblem kann der Ausgangspunkt einer Geschäftsidee sein – prüfe trotzdem, ob andere das Problem teilen und für eine Lösung bezahlen würden.
Frag gezielt nach Kontakten: Anna fand ihren Produzenten über einen Freund und dessen Netzwerk im Parfümbereich, nachdem die eigene Suche nicht weiterführte.
Plane mehrere Entwicklungsrunden ein und beschreibe möglichst konkret, was du von Rezeptur und Duft erwartest, damit Hersteller und Gründerin dasselbe Ziel verfolgen.
Kleine Produktionsmengen begrenzen das Startrisiko, erhöhen aber den Einkaufspreis pro Stück – diese Belastung gehört von Anfang an in die Kalkulation.
Bei einer wenig bekannten Produktkategorie muss dein Marketing nicht nur Aufmerksamkeit schaffen, sondern auch Anwendung und Nutzen verständlich erklären.
Bündle deine Content-Produktion an festen Tagen und setze dir verbindliche Aufgaben, wenn du als Solo-Founder ohne äußeren Zeitdruck arbeitest.
Nutze KI als kritischen Sparringspartner statt als reine Bestätigung und suche bei möglichen Mitstreiter:innen neben Kapital auch Wissen, Kontakte und ein gemeinsames Ziel.
Ein Toilettengang unterwegs sollte kein Grund für Stress sein – und trotzdem kennen viele die Sorge vor unangenehmen Gerüchen beim Date, im Büro oder auf Reisen. Anna Proske entwickelt mit NOOQ ein Pre-Poop-Spray, das genau dort ansetzt. Im Gespräch mit Andi und Jonas erzählt sie, wie aus einem persönlichen Problem eine Produktidee wurde, warum die Entwicklung länger dauerte als gedacht und was das Gründen ohne Mitgründer:in mit ihr macht.
Vom eigenen Problem zur Produktidee
Anna kommt aus einer Unternehmerfamilie mit einer Metzgerei, wollte den Betrieb aber nicht übernehmen. Als Model und Moderatorin kennt sie die Selbstständigkeit bereits; ein eigenes physisches Produkt bringt für sie dennoch neue Aufgaben und Risiken mit sich. Die Idee zu NOOQ entstand aus ihrem Alltag: Seit ihrer Jugend empfand sie Toilettengänge außerhalb der eigenen Wohnung als unangenehm, auch weil Darmprobleme sie zusätzlich beschäftigten. Eine Freundin brachte ihr vor Jahren ein Pre-Poop-Spray aus den USA mit, das fortan in ihrer Handtasche mitreiste. Daraus wuchs der Wunsch, eine eigene Variante mit einem Look und Düften zu entwickeln, die ihr selbst gefallen.
Ein Spray vor statt nach dem Toilettengang
NOOQ wird vor dem großen Geschäft in die Toilette gesprüht, nicht erst danach in den Raum. Anna erklärt, dass die Formulierung Geruchsmoleküle binden soll und ätherische Öle für den Duft enthält. Geplant sind zum Start drei Düfte und ein handliches Format mit 30 Millilitern, das in die Handtasche oder den Kulturbeutel passt. Zunächst folgte sie ihrer Intuition und sprach mit Menschen in ihrem Umfeld über das Problem; eine breitere Umfrage kam erst, als bereits viel Entwicklungsarbeit geleistet war. Dass ähnliche Produkte in anderen Ländern genutzt werden, bestärkt sie – für den deutschen Markt sieht sie vor allem die Aufgabe, die wenig bekannte Anwendung zu erklären und das Tabu besprechbar zu machen.
Der richtige Hersteller kam über das Netzwerk
Die Suche nach einem passenden Hersteller führte Anna zunächst zu Kosmetikproduzenten und Anbietern ätherischer Öle, ohne direkt zum Ziel zu kommen. Den entscheidenden Kontakt vermittelte schließlich ein Freund aus Berlin über eine Bekannte aus dem Parfümbereich. Für die Entwicklung sammelte Anna Vergleichsprodukte aus verschiedenen Ländern und gab sie dem Produzenten als Orientierung; die fachliche Ausarbeitung übernahm dessen Labor. Bis Duft und Formulierung ihren Vorstellungen entsprachen, waren mehrere Runden nötig, und zwischenzeitlich zweifelte sie daran, ob das Produkt überhaupt gelingen würde. Ihr Learning: Entwicklung braucht Zeit, Anforderungen müssen klar kommuniziert werden und ein kleines Startup steht beim Hersteller nicht automatisch ganz oben auf der Prioritätenliste.
Klein starten – mit klaren Abhängigkeiten
Anna fand einen Hersteller, der auch kleine Mengen ermöglicht, und konnte dadurch eine große Vorproduktion vermeiden. Dafür nimmt sie höhere Einkaufspreise und eine zunächst kleinere Marge in Kauf. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die Formulierung fertig, die Sicherheitsprüfungen liefen jedoch noch; erst mit der finalen Inhaltsstoffliste konnte sie das Verpackungsdesign abschließen und die Verpackung bestellen. Den Verkaufsstart plante sie für Oktober, ließ den genauen Termin wegen dieser Abhängigkeiten aber offen. Die erste Charge wollte sie gemeinsam mit ihrer Mutter zu Hause von Hand abfüllen und zunächst über den eigenen Webshop verkaufen – der Weg in die Drogerie ist eine Perspektive, für die sie bereits ehemalige Kolleg:innen aus ihrer Zeit als Produktmanagerin bei dm kontaktiert hat.
Sichtbarkeit braucht Mut und Struktur
Mit einem eigenen Produkt öffentlich sichtbar zu werden, empfindet Anna trotz ihrer Erfahrung vor der Kamera als herausfordernd: Die persönliche Verbindung zur Marke macht verletzlich. Auf LinkedIn hat sie das Thema bereits bewusst direkt angesprochen, statt es hinter unverfänglichen Formulierungen zu verstecken. Kritische Kommentare versucht sie sachlich zu beantworten, ohne jede Rückmeldung als persönlichen Angriff zu verstehen. Für Instagram und mögliche TikTok-Inhalte sieht sie vor allem eine organisatorische Aufgabe: Ein fester Content-Tag soll Material für einen ganzen Monat liefern, ergänzt um spontane Ideen. Als Solo-Gründerin mit weiteren Jobs kann sie nicht jeden Kanal und jede Aufgabe gleichzeitig bedienen.
Allein entscheiden heißt auch: sich selbst antreiben
Annas größte persönliche Herausforderung ist das Alleinsein beim Gründen: Sie kann Entscheidungen schnell treffen, hat aber niemanden, der ihre Deadlines einfordert oder mit ihr Gedanken hin und her spielt. Model- und Moderationsjobs ermöglichen ihr, NOOQ nebenher aufzubauen, bringen jedoch auch unplanbare und arbeitsintensive Phasen mit sich. Als Sparringspartner nutzt sie Claude und bittet die KI ausdrücklich um kritisches Feedback, statt sich nur bestätigen zu lassen. Für die Zukunft ist sie offen für Investor:innen oder eine:n Co-Founder, wenn neben Geld auch Wissen, Kontakte und echte Begeisterung für das gemeinsame Vorhaben dazukommen. Ihre Vision ist eine selbstverständliche Produktkategorie in Drogerien im DACH-Raum sowie in Hotels und Restaurants; ihr Rat für den Anfang lautet, Vertrauen in die eigene Idee aufzubauen, sie zunächst im engen Kreis zu besprechen und bei konkreten Hürden gezielt um Hilfe zu bitten.
